Reise nach Noto, Sizilien – Gastbeitrag

Heute gibt es mal einen Gastbeitrag von meinem Mann über unsere Reise nach Noto, Sizilien.

Text: Mario Rubenthaler 

Die Nacht schupste uns auf die Autobahn. Der Morgen hatte noch sein kleines Scharmützel mit dem dunklen Vorhang der Nacht. Erste gräuliche Strahlen trafen unsere müden Gesichter. Wir waren allein Richtung Frankfurt, als hätte ein Riese alles leergefegt. Unsere Körper versuchten noch die richtige Sitzposition zu finden, beide mit einem uns so vertrauten Lächeln im Gesicht. Wir blickten dem Horizont entgegen, Autos füllten langsam die Straßen. Eine kleine Wehmut breitete sich in mir aus, die Freude der Einsamkeit schien aus dem Auto zu fließen und sich gleichmäßig hinter uns auf dem Asphalt zu verteilen. Der Rückspiegel zeigte mein bübisches Schmunzeln. Sanft umschlossen sich unsere Hände. Ich schaute zu Katrin hinüber. Mehr Grinsen war nicht möglich. Die Zeit versteckte sich und schenkte uns den Moment.Ich schaute wieder nach vorne, der Sog der Vorfreude hatte mich erneut.

Das Tor in die große weite Welt, kam immer näher und näher, wurde größer und größer. Wie eine moderne, futuristische Stadt sah es aus. Flugzeuge verschwanden hinter den Gebäuden und wurden wenig später wieder in die Luft katapultiert, behäbig, mächtig und doch elegant. Das Parkhaus hatte so seine Eigenheit, wollte meine Fahrkünste nicht akzeptieren, weshalb die demolierte Felge meine Gedanken noch ein wenig beschäftigte. Ich hatte Glück, meine Frau war müde und äußerte sich zu dem Thema nicht mehr. So liefen wir Richtung Terminal und verschwanden im Gewusel des Flughafens. Nach dem „Check in“ saßen wir gemütlich auf der Bank und warteten auf den Abflug. Menschen zu beobachten machte mir die meiste Freude, speziell an Plätzen wie diesem. Ich konnte mich nicht satt sehen an den unterschiedlichsten Formen menschlichen Daseins. Die Zeit verging. Unser Flug wurde aufgerufen. Ich war bereit. Und Noto war es auch.
Der metallene Vogel nahm Maß am Wind, für einen kurzen Augenblick dachte ich er würde die Sonne streifen. Ein wenig Küste konnte ich erkennen und viel, viel Meer. Es ging abwärts. Flugzeugkatastrophenszenarien schossen durch meinen Kopf, verschwanden aber in sekundenschnelle beim leisen Quietschen der aufsetzenden Reifen. Noch etwas benommen, das leichte Handgepäck geschultert, ging es Richtung Ausgang. Nach kurzer Orientierungsphase standen wir vor den großen Glastüren. Draußen Sizilien. Ich wollte los, keine Zeit verlieren, erleben. Sizilien empfing uns mit angenehmer Hitze. Wir hatten Blickkontakt aufgenommen mit dem kleinen Häuschen. „Salve!“, erklang es aus der unscheinbaren Bude, in der drei Personen hockten. Der gut gelaunte junge Mann lugte verschmitzt aus dem Häuschen, gab Auskunft über unsere Busverbindung, verwies auf seine Kollegin, und lächelte zum Abschied. Das quirlige Mädchen händigte uns unsere Fahrkarten aus. Aufgabe von dem ruhigeren Mädchen im Hintergrund konnten wir nicht ergründen, nicht alles ist aber erklärungsbedürftig. Der Mann mit dem Kugelbäuchlein hatte nach einiger Zeit Erbarmen, nachdem wir 10 Minuten planlos umher gelaufen waren, und erklärte wohin die Reise gehen sollte. Lange Zeit hatte ich nicht mehr so viel, natürliche und warmherzige Freundlichkeit empfunden. Noch nicht mal richtig angekommen, fühlte ich mich zuhause. Wir winkten dem netten Kugelbäuchlein nochmal und stiegen in den Bus.

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Das Tor zur Altstadt von Noto

Blaues Meer, karge und grüne Landschaft gaben sich ein Wechselspiel, ich dachte an nichts und genoss das Vorüberziehen der Landschaft. Nach einer guten Stunde hatten wir Noto erreicht.
An der Bushaltestelle rückten wir uns unser Gebäck zurecht, die Karten-App zeigte uns 10 Minuten bis zum Hotel. Wir schlenderten langsam durch einen Park mit Allee. Die ersten fremdartigen Stimmen waren zu hören. Ältere Männer saßen auf ihren Bänken und schienen den örtlichen Tratsch auszutauschen. Wenige Touristen liefen mir über den Weg, das gefiel mir und meiner Voreingenommenheit. Die Rollkoffer zerrten an unseren Armen, dann standen wir vor dem Porta Reale. Klein, doch einnehmend stand ich davor und blinzelte nach oben. Ich fühlte mich ein wenig wie ein Laiendarsteller in „Ben Hur!“ Die glatt getretenen Pflastersteine des „Corso Vittorio Emanuele“ wiesen den Weg.
Unsere Rollkoffer holperten das Sträßchen entlang. Tock, tock. Tock, tock machten die Rollen lärmend bis zu unserer Unterkunft. Mit gesenktem Kopf und traurig liefen wir am „Caffe Sicilia“ vorbei, es hatte Ruhetag. Unser Hauptziel musste warten, nur bis zum nächsten Tag. Immer wieder schaute ich in den Himmel. Er war so unwirklich blau. Sämtliche Gebäude schienen zu leuchten, in den unterschiedlichsten Gelb-, Beige- und Brauntönen die es gab. Manchmal etwas grau und ab und zu ein kleiner Klecks grün, fallengelassen von oben, um dem Städtchen einen weiteren Kontrast zu spendieren. Rechts abgebogen, gab uns die Via Galileo Galilei noch etwas Steigung. Vor einer alten Holztür, mit der richtigen Nummer blieben wir stehen. Frankie, der Vermieter erwartete uns schon am Eingang. Vom ersten Moment an sympathisch, herzlich begrüßt aus einem Mix Italienisch und Englisch wurden wir zu unserem Apartment geführt. Frankie schloss auf, ein paar Formalitäten erledigt und mit vielen nützlichen Tipps versorgt entschwand Frankie in das Treppenhaus. Wir hatten unser Ziel erreicht: Kalote-Apartments-On the roof. Die Kühle des Apartments tat uns gut. Wunderschön, modern renoviert fanden wir alles vor, was wir benötigten. Charmant bis in jede Ecke war unser Ferienaufenthalt besser und schöner ausgestattet, als so manches Hotelzimmer aus der Vergangenheit. Das Bett lud ein, sofern dies von einem leblosem Gegenstand möglich war. Müde und glücklich lagen wir auf dem riesigen Bett. Ich schaute zum Fenster hinaus. Wie ein Schutzschild blockte das schattige Zimmer die Hitze und das grelle Licht von draußen. Wir schliefen ein.

Ziellos, umherlaufend verbrachten wir den Nachmittag in der Stadt. Gebäude wurden begutachtet, die engen Gässchen inspiziert, Geschäfte kritisch beäugt, Einheimische unauffällig beobachtet, bis der Hunger kam. Der trieb meine Frau vor mir her. Wer öfter mit einer hungrigen Frau unterwegs ist, weiß was das bedeutet. Die Suche zog sich ein wenig in die Länge. Dank dem guten Bauchgefühl meiner Frau, wurden wir aber bald fündig. Kleine, hübsche Tische lockten uns in das Sabbinirica. Köstliche und schnell belegte Paninis, Salate, Wurst, Schinken, Käse, Oliven und unzählige lokale Spezialitäten machten uns die Auswahl schwer. Wir genossen, ließen den Tag verstreichen. Später, ein paar Straßen weiter entdeckten wir einen kleinen Krämerladen mit frischem Obst. Mit Abendessen unter dem Arm ging es zum Apartment. Beide vertrödelten wir den Abend mit Internet und lesen. Der erste Tag näherte sich dem Ende. Müdigkeit machte meine Lider schwer. Mein Körper schmiegte sich in die Matratze, angenehme Wärme und das dünne Laken waren die Passage in das Traumland.

 

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Brioche, Granita und Cappuccino im Caffe Sicilia

Katrin, wie immer vor mir wach, verströmte schon einen gewissen Duft: gespannte Erwartung. Couragiert formuliert: feminine Ungeduld. Ich durfte noch ein wenig dösen, begrenzt auf die Dauer der Dusche meiner Frau. Startklar, mit sommerlicher Laune verließen wir Kalote. Ein paar Meter gegangen spürten wir die aufkommende Hitze. Von Weitem konnte ich die Tische des Caffe Sicilia erkennen, kleine runde Dinger, die in der Sonne schimmerten. Katrin‘s Gang beschleunigte. Ich hinterher. Schließlich wollte ich den Urlaub mit meiner Frau verbringen. Trotz frühem Aufstehen war das Sicilia gut besucht, bis auf einen Tisch. Schwungvoll reservierte Katrin‘s Handtasche den unbelegten Stuhl. Katrin saß, grinste von einem Mundwinkel zum anderen, als würde sie seit Stunden dort sitzen. Ehrfürchtig stand ich einige Sekunden vor dem Café, gespannt und erwartungsvoll. Wir bestellten. Wortlos warteten wir auf unsere Bestellung. Cappuccino, Brioche und Granite Mandorle wurde fix auf unserem Tisch verteilt. Cappuccino, cremig und stark. Der erste Schluck lief langsam meine Kehle runter, Harmonie von Milch und Café stimmten mich zufrieden. Das Granite aufgeschichtet, wie kalte Zuckerwatte war so weiß. Ich probierte den ersten Löffel. Erst spürte ich kalt, erfrischend. Die leichte Süße und das Mandelaroma vereinigten sich in meinem Mund. Es schmeckte hervorragend. Warm, köstlich duftend, mit Zucker bestreut lag das Brioche vor mir. Fluffig, dezent nach Hefe schmeckte es. Alles wirkte simpel und reduziert, doch war es so perfekt. Bis zum Ende meines Lebens wollte ich hier frühstücken, nur hier. Wir frühstückten jeden Tag im Sicilia, auch an dem „ Tag der Rollläden.“ Die Rollläden senkten sich bis zur Hälfte des Eingangs. Für einen kurzen Moment dachte ich das Café wird geschlossen. Die Mitarbeiter des Sicilia traten vor die Tür, langsam entfernten sie ihre Kopfbedeckungen und Hände umschlossen die Mützen. Gesichter blickten nach unten. Eine schwarze Schlange an Menschen wand sich aus der nahen Kirche – uns entgegen. Nach und nach standen alle auf. Vorher war es Ruhe, doch jetzt still. Fast glaubte ich mein Granite schmelzen zu hören. Die Trauernden, wie auf Schienen geführt, zogen an uns vorbei. Für einen Moment gab es ein Schweigen, mit all den Anderen. Nichts war wichtig, nicht in diesem Moment. Wie von Geisterhand geführt, vermischte sich alles. Der Zug der Trauernden, die Menschen rundherum, der Himmel, die Gebäude alles schien Eins zu sein. Die schwarze Schlange verschwand am Ende der Straße. Komischerweise wünschte ich mir dieses Gefühl zurück, weil es etwas Friedvolles hatte. Mein Mandorle Granite schmeckte intensiver, oder das Leben. Jeden Morgen saßen ich und Katrin im Sicilia, und wären am liebsten den ganzen Nachmittag dort sitzen geblieben. Leicht und unbeschwert verbrachten wir unsere Tage. Wir lebten in den Tag hinein, unbekümmert und zeitlos.

Am Morgen unseres letzten Tags drehten sich die Uhrzeiger schneller. Jede Bewegung lief in Zeitlupe ab, dennoch wollten wir schnellstmöglich in‘s Sicilia, um es ein letztes Mal zu genießen. Fein säuberlich alles verstaut und eingepackt, machten wir uns auf den Weg. Das „Tock, Tock“ der Koffer begleitete unsere Schritte. Der freundliche Mitarbeiter, welcher uns die ganze Woche versorgt hatte, begrüßte uns: „Ah, last day!“ „Last day!“, erwiderten wir fast synchron, guckten betrübt und bestellten. Am liebsten hätte ich alles nochmal bestellt, nur um den Geschmack nicht zu vergessen. Katrin wusste, dass solche Situationen in mir immer Unbehagen hervorriefen. Ich überwand mich aber trotzdem, täuschte einen Toilettenbesuch vor, tat was getan werden musste. Corrado stand hinter dem Tresen, klein und unscheinbar. Ich fragte einen seiner Mitarbeiter, ob es möglich wäre ein Foto zu machen. Corrado nickte. Ich war mir nicht sicher ihn zu belästigen, jedenfalls trat er auf mich zu, schüttelte meine Hand, und alles ging ganz schnell. Ich bedankte mich bei Corrado und seinem Team, schritt durch die Tür, glücklich ihn belästigt zu haben. „Hast du ein Foto gemacht?“, fragte Katrin. „Nö!“, sagte ich kurz und trocken. Katrin glaubte mir kein Wort. Ich zeigte ihr die Fotos. Sie lächelte zufrieden. Jetzt da alles erledigt war, machten wir uns bereit für die Abreise. Am Corso hielten wir kurz inne, blickten wehmütig zurück und liefen los. Der Abschied fiel schwer. Abgewandt, damit Katrin es nicht sehen konnte, trocknete ich meine Augen am T-Shirt. Es gab keine Erklärung, das kleine Noto und seine Bewohner grub sich in mein Herz, dafür war und bin ich dankbar. Wir werden das kleine, magische Noto nicht so schnell vergessen, weil es gab – und nicht nahm.

Noto-caffe-Sicilia-Corrado